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Viel Lärm um nichts

Über die schwindende Vielfalt im Hörspielgeschäft

Trotz guter Verkaufszahlen befindet sich das kommerzielle deutschsprachige Hörspiel in einer Qualitätskrise: Unter den Neuproduktionen dominieren Gewalt und Trash. Die innovationsarmen Vertonungen üben sich in auditivem Hollywood-Abklatsch. Obwohl eigentlich vom Überdruss vieler Konsumenten am Film- und Multimedia-Allerlei profitiert werden könnte, schreitet der Niedergang eigenständiger Hörspielkultur voran.

Im Sog des nunmehr über zehn Jahre andauernden Hörbuch-Booms mit Steigerungsraten von über 10 Prozent konnte sich auch das Hörspiel als eigene Kunstform neben der multimedialen Konkurrenz überraschend gut behaupten. Zwar beinhaltet längst nicht jedes Hörbuch ein Hörspiel mit mehreren Sprechern und zwar steigt das Durchschnittsalter der Hörer, wie das der restlichen Gesellschaft, stetig an - es findet aber dennoch ein reges Hörspielleben im deutschsprachigen Raum statt. Eine wichtige Voraussetzung stellten hierfür in Westdeutschland immer schon Kaufkassetten und seit zwei Jahrzehnten CDs für jugendliche Hörer dar. Von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nie ganz ernst genommen, stellte die kommerzielle Sparte dieser auditiven Kunstform einen verlässlichen Zubringer von jungen Menschen für das vielseitige Phänomen `Hörspiel´ dar. Für die mediale Sozialisation waren sie von jeher wichtig, um junge Leute aus bildungsferneren Bevölkerungsschichten mit dieser anspruchsvollen Kunstform vertraut zu machen.

Die bereits von Fernsehen und Film gesetzten Trends zur Infantilisierung und Vulgarisierung von Medieninhalten greifen jedoch seit einigen Jahren auch in der kommerziellen Hörspielszene - bei Produzenten, Autoren und Regisseuren. Die Ursachen für diese Phänomene sind eher auf Hersteller- denn auf Konsumentenseite zu suchen - der kommerzielle Hörspielmarkt in der Bundesrepublik war durch die oligarchische Verlagsstruktur seit jeher viel mehr angebots- und weniger nachfrageorientiert, was über Jahrzehnte kein Problem darstellte. Labels wie "Europa" oder "Maritim" trafen über mehrere Dekaden verlässlich den Geschmack ganzer Generationen westdeutscher Kassettenkäufer und prägten jeweils einen eigenen unverwechselbaren Hörspielstil.

Deutlich hörbar hat man es nun seit einigen Jahren jedoch mit einem Wandel auf der Produzentenseite zu tun: Die `Generation Golf´ hat die Geschicke des kommerziellen Hörspiels in der Bundesrepublik übernommen. Die junggebliebenen Mittdreißiger haben es sich in den Hörbuchabteilungen der Verlage gemütlich gemacht. Mitgebracht haben sie ihre Lieblingsgroschenhefte aus Jugendtagen, wegen derer sie sich in der Spaßgesellschaft nicht mehr zu genieren brauchen. Scheinbar hat die Mehrheit dieser nahezu ausschließlich männlichen neuen Hörspielmacher während ihrer Jugend den für junge Leute typischen Bedarf an schlichter Abenteuer- und Trivialliteratur nicht ausleben dürfen - die von ihnen verantworteten Neuproduktionen sind von einem großen Nachholverlangen bezogen auf für junge Männer typische Allmachtsphantasien geprägt. Die Verbreitung bemerkenswerter Inhalte oder innovativer Darstellungsformen darf man von ihnen nicht erwarten.

Natürlich gab es in den letzten 40 Jahren neben viel gekonnter Hörspielunterhaltung immer auch weniger anspruchsvolle und schlecht gemachte Kassetten, CDs und früher auch noch Schallplatten, die aber nie stilprägend waren und eher den Charakter von Negativbeispielen hatten, über die man sich mitunter amüsieren oder ärgern konnte. Foto Macht man sich heute jedoch im Internet auf die Suche nach neuen kommerziellen Hörspielproduktionen, ist man schnell ernüchtert: Augenfällig ist die Konzentration auf die Genres Horror, Krimi und Action - Hollywood lässt grüßen. Auf der Strecke bleiben phantasievolle Abenteuer, Humor und Science Fiction, die traditionell dem Hörspiel viele kreative Impulse gaben. Die virtuellen Audioportale sind ebenso wie die Regale der Hörbuchabteilungen in den Kaufhäusern überwiegend gefüllt mit inhaltlich wie dramaturgisch anspruchslosen Grusel- und Horrorhörspielen. Große Verlage wie Universal ziehen es vor, dieses Genre als "Fantasy" zu verklären, vermutlich weil sich ausgesprochen rohe CDs wie Gabriel Burns ["wir verzichten nicht auf die Darstellung von Gewalt" - Volker Sassenberg] weniger imageschädlich ins Familienprogramm integrieren lassen.

Der kommerzielle Hörspielbereich für Kinder und noch mehr für Jugendliche war traditionell immer eher männlich dominiert. In der Zuspitzung dieser Eigenheit mag sich der gegenwärtige Boom von gewaltorientierten und nahezu "moribunden" [der Spiegel] Kaufhörspielen erklären. Hinzu kommen auch hier der demographische und damit verbunden der gesellschaftliche Wandel, die bewirken, dass es immer weniger wirklich junge, dafür aber wesentlich mehr sich jung gerierende Hörer gibt. In allen Bereichen des Medienmarktes werden diese Dauer-Jugendlichen mit häufig infantil anmutenden Darstellungsformen an entsprechende Produkte zu binden versucht. So haben die mit der mehrheitlich kindervermeidenden Lebensplanung weiter Bevölkerungskreise einhergehenden hedonistischen Verhaltensweisen ebenfalls Einzug in die kommerziell ausgerichtete Herstellung von Hörspielen gehalten: Wo heute mehrheitlich ungebundene Mittdreißiger den Ton angeben und sich selbst verwirklichen, haben vor fünfundzwanzig Jahren Familienväter im selben Alter gewirkt, die erkennbar noch Verantwortung in Bezug auf die Inhalte der von Ihnen geleiteten Produktionen an den Tag legten. Denn auch, wenn es gegenwärtig und auf absehbare Zeit quantitativ deutlich weniger minderjährige Käufer von Hörspielen gibt und geben wird - die Verlage setzen dennoch gerne auf diese dafür vermeintlich umso konsumfreudigeren potentiellen Abnehmer und versuchen, ihren teilweise sehr bedenklichen Produkten den Anschein von Jugendverträglichkeit zu belassen.

Eine weitere kritische Entwicklung im kommerziellen Hörspielbereich liegt in dem auf Produzentenseite verbreiteten Mißtrauen gegenüber anspruchsvollen Inhalten begründet: "Ich fand es immer faszinierend, dass erwachsene Menschen wirklich hergehen und sich so einen 'Quatsch' ausdenken ...", brüstet sich Volker Sassenberg auf der Gabriel-Burns-Homepage. Der sehr begrenzte kulturelle Ehrgeiz vieler Hörspielschaffender im profitorientierten Bereich führt dazu, dass die literarische Kunstform Hörspiel sich weiter in Richtung Film und hierbei weniger Richtung Independent sondern eher Blockbuster-Mainstream bewegt. Zu erkennen ist dies an der gesteigerten Effekt- und Musiklastigkeit neuer Produktionen: Immer seltener werden Stimmungen beim Hörer durch ausgefeilte Dramaturgie und gute Regie als viel öfter durch aufdringliche Sounduntermalung zu erzeugen versucht. Dieser Trend hat seine Entsprechung bei Filmen neuerer Machart, für die Hollywood-Regiegrößen wie Ridley Scott ("Alien") konstatieren: "Heutzutage neigen wir dazu, unsere Tonspuren mit Effekten und Musik aufzudonnern, um den Zuschauer akustisch zu überrumpeln ... Wir betäuben die Sinne der Zuschauer oft, statt sie zu schärfen." [Spiegel 43/2003] Die Hörspielmacher von heute haben das Gefühl für das `weniger ist mehr´ - der eigentlichen Qualität und Herausforderung des Mediums Hörspiel - verlernt und wetteifern darum, möglichst perfekte Tonspur-Kopien großer Hollywoodfilme anzufertigen. Das Selbstbewusstsein der jungen Produzenten erweist sich hierzulande nicht zuletzt aus Unkenntnis über große Hörspielkunst als nicht ausgeprägt genug, souverän der Anpassung an die typischen Spannungsmuster der US-amerikanischen Medienleitkultur zu widerstehen.

Am deutlichsten tritt dies mit dem neuen Trend bei Hörverlagen zutage, die bei den Sprecherangaben auf ihren CDs mit Hinweisen über die Tätigkeit der Darsteller als "deutsche Stimmen" berühmter Hollywoodstars meinen "Wind machen" [Titania Medien] zu müssen. Dass es sich bei den Synchronsprechern häufig um talentierte Imitatoren, nicht jedoch um Profis im Erzeugen subtiler Bilder und Stimmungen in den Köpfen der Hörspielhörer handelt, scheint hierbei zweitrangig. Ebenso, dass die Bezugnahme auf US-amerikanische Filme nahelegt, die vorliegenden Werke würden nicht durch eigene Güte überzeugen, sondern vermeintlich glamouröser Paten bedürfen.

Durch die nahezu ausschließliche Konzentration auf effektheischende Trivialinhalte und die übertriebene Angleichung an die Mainstreamkultur leidet das Image des käuflich erwerbbaren Hörspiels in Deutschland. Dabei träfen mutige und unkonventionelle Produktionen im auditiven Bereich gerade in Zeiten visueller Überflutung mit Sicherheit auf viele Konsumenten, die des dominierenden Kintopps von TV und DVD überdrüssig sind und gekonnte Hörbuch-Unterhaltung zu schätzen wüssten. Vielleicht würden bei einem sich von den anderen Medien absetzenden Angebot auch wieder tatsächlich jüngere Hörer sich den auditiven Inhalten zuwenden. Diese werden unweigerlich irgendwann einmal darüber entscheiden, ob das Hörspiel neben dem bunten und lauten Getöse der Konkurrenzmedien überhaupt eine Zukunft haben kann. Es wäre ihm zu wünschen.


Anmerkungen eines Lesers vom 25.07.2007:

... ich habe mit totalem Interesse Deine Anmerkungen zum heutigen Produktionsstatus von Hörspielen gelesen, in denen Du die Präsentation von Synchronsprechern als "Stimme von..." auf den Verpackungen von CDs als Trend anprangerst. D'accord!

Das ist tatsächlich etwas, was bereits skurrile Ausmaße annimmt und dem Hörspiel als "Kunstwerk" eigentlich nicht mehr gerecht wird. Man zwingt der Fantasie beim Hören bereits die Bilder von "Bruce Willis" und Co. auf. Dann folgt aber der Satz "Dass es sich bei den Synchronsprechern häufig um talentierte Imitatoren, nicht jedoch um Profis im Erzeugen subtiler Bilder und Stimmungen in den Köpfen der Hörspielhörer handelt, scheint hierbei zweitrangig."

Au weiha.... talentierte Imitatoren.....??? Das ist heftig. Viele Synchronsprecher sind genau wie normale Schauspieler durch Schauspielschulen und Sprechunterricht gegangen, wie sich das gehört. Selbstverständlich gibt es auch Sprecher, die durch Beziehungen in das Metier reingerutscht sind. Dies findet man jedoch auch im Schauspielbereich. Darin unterscheiden sich diese beiden Genres kaum.
Aber "talentierte Imitatoren"? Was soll das heißen? Imitieren Schauspieler nicht auch Emotionen auf der Bühne? Ich bin selber mit Amateurproduktionen in die Hörspielbranche reingerutscht. Und diesen Frühling habe ich meine Ersparnisse zusammengekratzt und mir den Traum erfüllt, einmal mit Synchronsprechern in Berlin Hörspiele aufzunehmen. Ich habe erleben dürfen, wie solche Profis arbeiten. Das Hörspiel zwingt diese Leute dazu, zu SCHAUSPIELERN. Da gibt es kein Bild, keine Vorlage, die sie nur nachspielen müssen. Da gibt es Charakterisierungen, die sie SPIELEN müssen. Wenn ich Aggressivität verlangte, mussten die Sprecher sofort einschwenken und sich auf diese Anforderung einstellen.

Was einen Sprecher von einem Schauspieler unterscheidet, ist der Umgang mit dem Medium "Ton". Ein Schauspieler spielt mehr mit der Dynamik seiner Stimme: Da wechseln Laut und Leise in schnellen Abständen, um daraus die Wirkung zu erzielen. Ich habe bereits mit Schauspielern im Studio gearbeitet - diese Dynamik ist für eine Hörspielproduktion mörderisch, weil der Hörer nicht dauernd am Lautstärkeregler pegeln will, um sie auszugleichen. So etwas passiert einem Sprecher nicht. Er beherrscht die Technik. Er spielt mit der Stimme auch körperliche Tätigkeiten vor. Ja, er imitiert! Aber - wie gesagt - was macht der Schauspieler ?

Kurz: Der Absatz in deinem Bericht war schon etwas herablassend vor der Leistung dieser Sprecher. Sofern Du damit allerdings nur den Hype um die "Hollywood-Stimmen" deutlich machen wolltest, so kann ich das aber auch nachvollziehen.

Nichtsdestotrotz: Ein feiner Bericht!

Erwiderung des HÖRSPIELers vom 14.08.2007:

vielen Dank für Deine Mail zu `Hollywood im Ohr´. Naturgemäß teile ich Deine Rückschlüsse nicht ganz, auch wenn Du sehr gut argumentierst. Es geht bei dieser Thematik zu einem guten Teil um subjektive Einstellungen. Möglicherweise hätte ich dies deutlicher kennzeichnen müssen. Andererseits schätzen die LeserInnen des Hörspielers diese Unabhängikeit, die ich mir leiste.

Aber auch handwerklich widerspreche ich Dir: die Schauspieler-Sprech-Dynamik, die Du als `mörderisch´ bezeichnest, hat man in früheren Zeiten (z.B. bei Maritim und Europa bis in die 80er Jahre hinein; ganz zu schweigen von den Öffentlich-Rechtlichen) studiotechnisch sehr wohl zu meistern verstanden. Sehr viele Produktionen neueren Datums zeichnen sich m.E. durch große Monotonie der Sprechereinsätze aus. Möglicherweise kommt das daher, dass man als Synchronsprechern nur selten mit anderen Sprechern interagiert ?

Antwort des Lesers vom 14.08.2007:

Ich kann Deine Argumente nachvollziehen. Die meisten Labels haben keine interagierenden Sprecher mehr im Studio. Selbst beim Synchronisieren von Filmen ist dies nicht mehr der Fall. Jeder Sprecher ist alleine im Studio.
Einige Studios, wie Europa, weichen von dieser Praxis ab, und da hast Du Recht: Das hört man! Die Sprechdynamik ist eine ganz andere. Und selbstverständlich hat man auch die Schauspieler früher in den Griff bekommen ... Der Aufwand ist nur wesentlich höher, wenn man nicht so viele technische Tricks wie Kompressoren etc. einsetzen möchte.

Die Monotonie der heutigen Produktionen ist unbestritten. Es streben viele neue Gesichter auf den Hörspielmarkt, die KEINE Ahnung von Regieführung haben. Dem Sprecher wird zuwenig Führung zuteil. Er spricht seinen Text runter und fertig. Das ist mittlerweile auch beim Synchron so. Viele Synchronregisseure setzen auf ihre Erfahrung und nicht auf Ausbildung.


Anmerkungen von Peter Eckhart Reichel -Autor, Hörbuchproduzent, Verleger- vom 12.11.2007:

Ihren Artikel finde ich sehr lesenswert. Besonders hat mich Ihre Bemerkung zum Thema Gewalt gefreut, und das Beispiel des Konzerns Universal, der Brutalo-Serien wie "Gabriel Burns" protegiert, und damit sein "Familienprogramm" bestückt. Hierzu folgendes: Die großen Hörbuchverlage richten ihr Verlagsprogramm ausschließlich (!) nach kommerziellen Gesichtspunkten aus. Sie fertigen vor jeder Produktionsplanung zu erwartende Verkaufsanlysen an, entsprechen diese nicht (oder zu gering zu erwartende) Verkaufserfolge, werden diese Projekte gar nicht erst realisiert. Die Folge solcher Verlagspolitik ist allgemein bekannt. Überall liegt in den Buchhandlungen des Landes der gleiche Gewalt- und Brutalo-Schrott von immer den gleichen Herstellern und Verlagen aus, der dann notgedrungenerweise auch noch gekauft wird, weil der Normalkonsument eben nichts anderes mehr kennt.

Ihre Bemerkungen über Synchronsprecher kann ich allerdings nicht teilen, empfinde diese sogar reichlich falsch. Ich selbst arbeite immer wieder gern mit erfahrenen Synchro-Sprechern zusammen, da sich diese (im Gegensatz zu vielen Theater- oder Filmschauspielern) leichter und mitunter mit vielmehr Feingefühl mit dem gesprochenen Wort beschäftigen und oft sehr punktgenau eine Szene verbal mit Leben füllen können.