Die große Reise – Eine Hörspielserie, die erst unterwegs zu sich selbst findet

Alfred Krinks Science-Fiction-Hörspielserie von 1978/79. Mit Thiemo Krink, Manfred Steffen, Renate Pichler, Konrad Halver, Stephan Chrzescinski, Rolf Jahnke, Katharina Matz, Wolf Dieter Stubel u.a.

Die Reihe `Die große Reise´ ist für Kinder und Erwachsene konzipiert. Was auf den ersten Blick wie ein etwas platter Marketing-Spruch erscheint, erweist sich nach dem Hören als durchaus zutreffende Beschreibung der Stücke: Kinder werden spannend und humorvoll unterhalten und auch Erwachsene bekommen viel Stoff zum Schmunzeln geboten.

Zu einer Zeit als den tonangebenden Medienhäusern im Hörspielbereich noch an niveauvoller Kinder- und Familien-Unterhaltung mit humanistischem Anspruch gelegen war -also Ende der 70er Jahre- entstand unter dem Label
Maritim ein Serien-Highlight. Für die damaligen Macher dieser Hörspielfirma typisch, wurden die Stücke hochkarätig besetzt und handwerklich vorbildlich realisiert.

Hörspiel Cover

Vier Folgen, vier Temperamente

Es gibt Hörspielserien, deren Ton von der ersten Minute an feststeht. Und es gibt Die große Reise, eine Produktion von Alfred Krink, die den Eindruck vermittelt, sich während ihres eigenen Verlaufs zu entdecken. Gerade diese Unregelmäßigkeit macht heute einen Teil ihres Reizes aus.

Die erste Folge Ein UFO macht Ärger wirkt vergleichsweise behäbig: Die Familie Hermes ist auf dem Weg zum Mond, um von dort aus eine `große Reise´ zu den benachbarten Planeten zu unternehmen - Da wird Jelly von einem Ufo entführt und körperlich verändert. Figuren und Welt werden sorgfältig eingeführt, doch der Funke springt zunächst nur zögerlich über. Der Humor blitzt zwar bereits auf, bleibt aber oft hinter der Exposition zurück. Ein etwas behäbiger Einstieg in das Weltraumabenteuer mit amüsanten Anspielungen auf die Fortschrittsgläubigkeit.

Mit Wirbel im Mondlift verändert sich der Rhythmus spürbar: Im Mondlift angekommen gehen die Probleme weiter: Eine nicht frei im Handel erhältliche Tarnfarbe sorgt für Verwirrung und ein Passagier des Lifts verlässt die Fähre in einem fehlerhaften Raumanzug. Rechtwitzige Dialoge dank einiger skurriler Liftpassagiere begleitet von schrägen Wortschöpfungen futuristische kulinarische Leckerbissen betreffend. Plötzlich entsteht Leichtigkeit: Dialoge gewinnen an Witz, Situationen an Tempo und die Figuren beginnen, miteinander zu spielen statt lediglich Handlung zu transportieren.

Den eigentlichen Höhepunkt bildet nach meinem Eindruck Rote Elefanten auf dem Jupiter: Endlich ist die Familie Hermes vollständig im Raumschiff auf dem Mond versammelt. Mit einem getarnten blinden Passagier an Bord startet die Reise zu den sonnenfernen Planeten. Ein Besatzungsmitglied ist kauziger als das andere. Professor Nös eigenwilliges Obst-Modell des Sonnensystems ist anschaulicher als mancher Himmelsatlas. Hier verbinden sich Abenteuer, Atmosphäre und ein vielgestaltiges Figurenensemble zu einem der originellsten Science-Fiction-Kinderhörspiele seiner Zeit. Die Welt wirkt größer, lebendiger und zugleich erstaunlich glaubwürdig.

Begegnung im All beginnt wiederum ausgesprochen unterhaltsam: Das Expeditionsschiff `Golden Pilgrim´ ist schon ziemlich weit von der Erde entfernt, da trifft es auf ein Oldtimer-Raumschiff. Die Stimme des Kommandanten kommt den Mitgliedern der Familie Hermes sehr bekannt vor... . Die erste Hörspielhälfte besitzt beinahe kriminalistischen Charme und erinnert mit ihrer Silvesterstimmung an klassische Familienunterhaltung. Ein erstaunlich lebensnahes Beispiel für die menschlichen Auswirkungen von Langzeit-Aufenthalten im Weltraum vermag die Hörer zum Schmunzeln zu bewegen - Die Schilderung von Jelly´s Geburtstagsfest geriet zwar originell aber auch etwas sehr betulich. Serienende eben ... im Schlussabschnitt wird das Erzähltempo ruhiger; die Geburtstagsatmosphäre wirkt stellenweise etwas zu gemütlich und nimmt der Geschichte etwas von ihrer zuvor aufgebauten Dynamik.

Warum blieb der große Erfolg aus?

Natürlich bleibt dies Spekulation. Dennoch liegt die Vermutung nahe, dass ausgerechnet der vergleichsweise zurückhaltende Auftakt manche Hörer davon abhielt, die Serie weiterzuverfolgen. Wer jedoch nach der ersten Folge ausstieg, verpasste drei Hörspiele, die den Ideenreichtum Alfred Krinks wesentlich deutlicher erkennen lassen.

Heute, Jahrzehnte später, erscheint Die große Reise weniger als makellose Serie denn als faszinierendes Experiment: humorvoll, ungewöhnlich, manchmal eigensinnig und gerade deshalb erinnerungswürdig.