Hörspiel-Enttäuschungen von gestern und vorgestern

Was tut man, wenn man das Bedürfnis nach schlechter Energie und Bestätigung restlos überkommener weiblicher sowie männlicher Rollenbilder hat? Richtig - man hört sich das WDR3-Hörspiel Das Geschenk - Sex-Party zum Geburtstag von Philine Conrad & petschinka an, das der aufgeweckte Hörfunksender seinen Hörern impertinenterweise auch noch als Liebesdrama verkaufen will.

Dekadente Partybesucher in einem Hörspiel
Kein „Geschenk“ für anspruchsvolle Hörer: Dekadente Partybesucher, die sämtliche Klischees reproduzieren – Illustration zum WDR3-Hörspiel „Das Geschenk – Sex-Party zum Geburtstag“.
Die Schauspieler, die diesen misanthropisch-vulgären Reigen an Vorwürfen, Eifersucht und vermeintlich moderner Notgeilheit à la Carolin Kebekus merkbar lustlos eingesprochen haben, können einem im Nachhinein noch leid tun.
Hoffentlich dürfen sie irgendwann auch einmal bei einem Hörspiel mitwirken, das eine originelle, nachdenkenswerte Geschichte über interessante Menschen erzählt, die dann vielleicht sogar zu Recht als 'Liebesdrama' bezeichnet werden dürfte (und sei es als humorvolle Groteske, wie beispielsweise in dieser herausragenden Produktion). Eine gelungene Ehrenrettung für das Hörspiel-Genre 'Partygespräche' lieferte Juliane Schmidt 2020 mit einer Bearbeitung des Theaterstücks Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind von Bernhard Studlar für den unter Korruptionsvorwürfen stehenden RBB über realistische Figuren und ihre glaubwürdigen post-modernen Probleme.

Von wegen 'tragikkomischer Klassiker': Was der SWF 1958 mit der Verhörspielung des Vicki-Baum-Klassikers Menschen im Hotel verhunzt hat, geht auf keinen USB-Stick. Man freut sich auf die junge Brigitte Horney, die z.B. in der Martin-Walser-Vertonung 'Lindauer Pieta' (1975) brillierte, und bekommt bei der ARD für 80 Minuten eine hochsinistre und vollkommen humorbefreite Hörspieltristess geboten, die einen wünschen lässt, am besten nie mehr in einem Hotel - egal wo auf der Welt - absteigen zu müssen. Schade um das nichtgenutzte Schauspielerinnen-Potenzial.

Man ist zurecht gespannt auf die drei hochkarätigen Schauspieler Otto Sander, Angelica Domröse und Jürgen Thormann in Das Genauigkeitsprinzip - Was, wenn man weiß, wann man stirbt? von Marcy Kahan in der ARD und bekommt stattdessen ein nichtssagend psychologisierendes Hörspiel-Machwerk aus dem Jahr 2000 geboten, bei dem man während des Hörens beinahe geneigt ist, sich selbst ebenfalls eine kürzere Lebenszeit zu wünschen. Dass der Produzent dieses sich an den Zeitgeist anbiedernden Hörspiels der streitbare WDR war, wundert hingegen wenig, hat dieser sich doch mit dem Lied Oma ist ne alte Umweltsau als kaum verhohlener Menschenfeind geoutet.